Kurz gefasst
- Beschaffungsautomatisierung wird meist als Kostenthema verkauft. Die Besten behandeln sie als Erlebnisthema: Die anfordernde Person will eine schnelle, verlässliche Antwort, und der Agent hat genau diese zu liefern, ohne gegen die Richtlinien zu verstoßen.
- KI-Agenten können eine Bestellanforderung auslesen, sie einem Vertrag zuordnen, die Richtlinien prüfen und Freigaben durchgängig steuern. Der Effizienzgewinn ist real, doch er konzentriert sich auf Unternehmen, die Autonomie mit konsequenten menschlichen Kontrollpunkten bei den wenigen riskanten Entscheidungen verbinden.
- Die Erträge verteilen sich ungleich. Führende Beschaffungsorganisationen erzielen rund das Doppelte der GenAI-Rendite ihrer Wettbewerber, weil sie Daten, Richtlinien und das Freigabeerlebnis in Ordnung bringen, bevor sie Agenten in die Breite tragen.
Eine Beschaffungsanfrage ist ein Moment der Wahrheit. Jemand im Unternehmen braucht etwas, und die Zeit zwischen Anfrage und Antwort ist ein Erlebnis, an das man sich erinnert und über das man sich beschwert. Die meisten Automatisierungsprogramme blenden das aus und optimieren stattdessen das Back Office. Genau deshalb beschleunigen so viele von ihnen einen Prozess, dem niemand vertraut.
Der Perspektivwechsel ist einfach. Behandeln Sie die interne anfordernde Person als Kunden und den Lieferanten als Beziehung, und schon ist Beschaffungsautomatisierung keine Diskussion über Stellenabbau mehr, sondern eine Aufgabe des Service-Designs mit klarer Verantwortung.
Agenten verändern, was Beschaffung leisten kann, nicht wofür sie da ist
Agentische KI leistet für die Beschaffung dasselbe wie überall: Sie interpretiert Freitext, trifft Entscheidungen und handelt über Systemgrenzen hinweg, statt darauf zu warten, dass ein Mensch klickt. In einem Einkaufsablauf heißt das: Ein Agent kann eine Bestellanforderung lesen, aus unsauberen Eingaben Struktur gewinnen, sie einem bevorzugten Vertrag oder Lieferanten zuordnen, eine Richtlinienabweichung kennzeichnen, eine freigebende Person vorschlagen und die Bestellung entwerfen. Die routinemäßigen, wiederkehrenden, risikoarmen Einkäufe laufen in Maschinengeschwindigkeit; die Ausnahmen werden verlässlich eskaliert, statt davon abzuhängen, wer gerade Dienst hat.
Diese Zahl ist die Schlagzeile, nicht die eigentliche Lehre. Effizienz lässt sich im Pilotprojekt leicht vorführen; schwierig ist, sie zu halten, sobald der Agent auf echte Verträge, echte Ausnahmen und echte Menschen trifft, die ihm noch nicht vertrauen.
Beschaffung, die skaliert, ohne den Personalbestand zu skalieren, sieht so aus: Agenten im Ablauf und Menschen an den Kontrollpunkten.
Die Rendite ist konzentriert, nicht flächendeckend
Dieselben Umfragedaten, die Effizienz versprechen, zeigen auch, wie ungleich sie sich verteilt. Es zahlt sich für die Unternehmen aus, die zuerst die unspektakuläre Vorarbeit geleistet haben: saubere Vertrags- und Lieferantendaten, kodifizierte Richtlinien und ein Freigabeerlebnis, das eine Maschine ausführen und ein Mensch überwachen kann.
Abbildung 1
Führende Beschaffungsorganisationen erzielen rund das Doppelte der GenAI-Rendite der Nachzügler
Quelle: Deloitte, 2025 Global CPO Survey
Der Unterschied liegt nicht am Modell, sondern an der operativen Disziplin. Die Spitzengruppe bei Deloitte, jene mit einer GenAI-Rendite von 3,2x, ist genau die, die bis zu einem Viertel ihres Funktionsbudgets in Technologie investiert und die Silos abbaut, die 57 Prozent der Beschaffungsverantwortlichen als größte Wertbarriere nannten. Der Agent ist nur so gut wie die Daten, die Richtlinien und das Erlebnis, auf denen er aufsetzt.
Der Wert steckt in den Schritten, die niemand machen will
Die deutlichsten Erfolge sind keine glanzvollen Sourcing-Entscheidungen. Es sind die Abstimmungen, Prüfungen und Nachfassaktionen, die Menschen unter Zeitdruck überspringen. Genau dort summiert sich der Wertverlust und untergräbt das Lieferantenvertrauen schleichend.
Die Verbreitung steht noch so am Anfang, dass dies ein Vorsprung ist und keine Selbstverständlichkeit. Nur etwa 40 Prozent der Beschaffungsverantwortlichen geben an, generative KI aktiv zu erproben. Heißt: Nicht die Technologie, sondern das Betriebsmodell trennt die Unternehmen, die heute Wert schöpfen, von denen, die abwarten.
So gestalten Sie es, dass das Erlebnis trägt
Das erfolgreiche Muster heißt nicht “alles automatisieren”. Es ist eine bewusste Trennung zwischen dem, was ein Agent entscheidet, und dem, was ein Mensch verantwortet, ausgerichtet an dem Erlebnis, das die anfordernde Person und der Lieferant haben sollen.
- Beginnen Sie beim Moment der anfordernden Person, nicht beim Workflow. Skizzieren Sie das Erlebnis, das der interne Kunde bekommen soll: wie schnell, wie transparent, wie verlässlich. Die Automatisierung ist dazu da, genau das zu liefern, und das ist der einzig ehrliche Erfolgsmaßstab.
- Definieren Sie die Kontrollpunkte, bevor Sie den Agenten loslassen. Legen Sie ausdrücklich fest, was automatisch freigegeben werden darf und was an einen Menschen gehen muss, gestaffelt nach Wert, Risiko und Art der Ausnahme. Für die folgenreichen Entscheidungen bleibt der Mensch verantwortlich.
- Bringen Sie die Daten in Ordnung, die der Agent liest. Verträge, Lieferantenlisten und Richtliniendokumente sind die Sinne des Agenten. Wer Müll hineingibt, gibt Müll frei, nur schneller als zuvor.
- Machen Sie die Prüfspur zum Feature. Wer wann auf welcher Grundlage was freigegeben hat, sollte als Nebenprodukt des Ablaufs entstehen und nicht im Nachhinein rekonstruiert werden müssen. Genau das macht Autonomie vertretbar.
- Behandeln Sie Lieferanten als Beziehung, nicht als Warteschlange. Agenten, die Zusagen nachhalten und Abweichungen zügig klären, tun mehr für das Lieferantenvertrauen als jede Überarbeitung eines Portals.
So aufgesetzt liest sich Beschaffungsautomatisierung weniger wie ein robotergesteuerter Prozess und mehr wie ein gut geführter Service: schnell, wo Tempo sicher ist, eskaliert, wo Urteilsvermögen gefragt ist, und nachvollziehbar für alle Beteiligten. Es ist dieselbe Logik, die wir in die Experience-Strategie und die breitere Advisory-Arbeit einbringen: Ziel ist nie Automatisierung um ihrer selbst willen, sondern die bessere, verantwortbare Entscheidung. Wie wir mit Kunden die menschlichen Kontrollpunkte und die zugrunde liegenden Daten gestalten, zeigen unsere Fallstudien.
Quellen
- McKinsey & Company (Khushalani, Albrecht), "How AI Can Unlock Value for Procurement," via Industry Today, industrytoday.com.
- Deloitte, "Procurement at the Tipping Point: 2025 Global Chief Procurement Officer Survey," deloitte.com.